Eine Raffinerie muss nicht hauptsächlich vom Verkauf an Tankstellen leben. Schmierstoffe, Kühlmittel und Rohstoffe für Kunststoffe eröffnen andere Absatzwege. Entscheidend ist allerdings nicht, was sich technisch herstellen lässt, sondern wer es dauerhaft zu kostendeckenden Preisen kauft.
Diese Frage gehört ins Zentrum der Raffineriestrategie, deren Erarbeitung die Bundesregierung am 23. Oktober begonnen hat. Ergebnisse der Arbeitsgruppen werden für das erste Quartal 2027 erwartet. Der Bund will die elf deutschen Raffineriestandorte sichern und zugleich ihren Umbau ermöglichen. Zwei Projekte zeigen, wie unterschiedlich eine Zukunft jenseits des Kraftstoffs aussehen kann.
Wesseling: Veredeln statt zu Kraftstoff verarbeiten
Im Shell-Werksteil Wesseling endete im März 2025 die Rohölverarbeitung. Für 2028 hat das Unternehmen eine neue Grundölanlage angekündigt. Grundöle sind Ausgangsstoffe für Schmiermittel; weitere mögliche Anwendungen liegen bei Kühlflüssigkeiten sowie in der Pharma- und Kosmetikindustrie.
Die geplante Jahreskapazität beträgt 300.000 Tonnen. Das entspräche nach den von Shell verwendeten Marktschätzungen rund 40 Prozent des deutschen Bedarfs an solchen Grundölen. Eine beachtliche Größenordnung – aber keine bereits gesicherte Absatzmenge. Als Kunden kommen etwa Schmierstoffhersteller und Anbieter von Spezialflüssigkeiten infrage. Shell nennt auch Anwendungen in Elektroautos und Rechenzentren.
Der Umbau bedeutet zudem nicht den Abschied vom fossilen Rohstoff: Die Anlage soll ein aus Rohöl gewonnenes Vorprodukt aus dem benachbarten Werk Köln-Godorf verarbeiten. Dort bleibt die Rohölverarbeitung bestehen. Wesseling steht damit zunächst für einen Wechsel zu anderen Produkten, nicht für eine vollständig erdölfreie Lieferkette.
Leuna: Ein anderer Rohstoff für die Chemie
Eine grundsätzlich andere Route verfolgt UPM in Leuna. Der finnische Konzern weihte dort am 15. Oktober eine neue Bioraffinerie ein. Sie ist kein Umbau der bestehenden Mineralölraffinerie, sondern eine zusätzliche Anlage im Chemiepark. Gerade deshalb zeigt sie, welche Konkurrenz und Ergänzung für herkömmliche Raffinerieprodukte entstehen kann.
Aus Holz und Sägewerksreststoffen sollen unter anderem Glycole entstehen – chemische Ausgangsstoffe etwa für Verpackungskunststoffe, Textilien und Kosmetika. Hinzu kommen Füllstoffe für Gummi und Kunststoffe. Die vorgesehene Gesamtkapazität liegt bei 220.000 Tonnen jährlich; das ist nicht mit einer bereits erreichten Jahresproduktion gleichzusetzen. UPM meldete zuletzt stabile Abläufe in Teilen der Produktion und einen wachsenden Absatz.
Die Milliardeninvestition braucht Abnehmer, die erneuerbare Rohstoffe tatsächlich einsetzen. Mit dem Spezialkunststoffhersteller Selenis hat UPM eine Entwicklungspartnerschaft vereinbart. Solche Kooperationen erschließen Anwendungen, ersetzen aber keinen Nachweis, dass die gesamte Anlage dauerhaft ausgelastet und rentabel sein wird.
Nicht jede neue Tonne ersetzt einen alten Arbeitsplatz
Für die Strategie ergibt sich daraus ein nüchterner Prüfmaßstab: Investitionspläne sollten an belastbaren Lieferbeziehungen, Energie- und Rohstoffkosten sowie konkreten Personalplänen gemessen werden. Aus den genannten Produktionskapazitäten lässt sich nicht ableiten, wie viele bisherige Raffineriearbeitsplätze erhalten bleiben. Dafür braucht es Angaben zu Qualifikationen, Umschulung und künftigem Personalbedarf.
Auch Versorgungssicherheit und Klimaschutz verlangen getrennte Rechnungen. Eine Grundölanlage liefert keinen Diesel; eine Bioraffinerie ersetzt nicht automatisch die bisherige Kraftstoffversorgung. Und für eine Klimabewertung müssen Rohstoffgewinnung, Energieeinsatz und das spätere Lebensende der Produkte berücksichtigt werden.
Die beiden Standorte zeigen also Möglichkeiten, keine universelle Lösung. Eine tragfähige Raffineriestrategie müsste benennen, welche Kapazitäten für die Versorgung gebraucht werden – und wo neue Produkte mit zahlenden Kunden eine wirtschaftliche Zukunft eröffnen.
Redaktionell geprüft · 24. Oktober 2026


