KULTUR

Wer im Kunstgedächtnis bleibt: Netzwerke statt Einzelgenies

Die Wiesbadener Ausstellung „Die Blauen Reiterinnen“ verschiebt den Blick auf die Moderne. Eine korrigierte Porträtbenennung und die Geschichte einer Schenkung zeigen: Nicht allein das Werk entscheidet darüber, wer in Erinnerung bleibt.

Die Farbe ist dieselbe geblieben, die Frau auf dem Bild eine andere geworden. Jahrzehntelang galt ein Gemälde Erma Bossis als Porträt Marianne von Werefkins. Heute führen die beteiligten Museen es als Selbstbildnis Bossis. Eine Korrektur am Bildtitel – und ein aufschlussreicher Fall dafür, wie Kunstgeschichte entsteht.

Die seit dem 23. Oktober im Museum Wiesbaden geöffnete Ausstellung „Die Blauen Reiterinnen“ bietet dafür den Anlass. Bis zum 21. Februar 2027 widmet sie sich zwölf Künstlerinnen aus dem Umfeld des Blauen Reiters. Ihr Thema reicht über die Ergänzung einer männlich geprägten Namensliste hinaus: Wer wird erforscht, gesammelt und wiedererkannt?

Ein Titel schreibt Geschichte

Beim Bossi-Porträt lässt sich die ältere Lesart noch in einem Leihverzeichnis der Londoner Royal Academy von 2022 nachweisen: Dort heißt es „Portrait of Marianne von Werefkin“. Der Eintrag ist ein kleiner, aber konkreter Beleg dafür, wie lange eine Benennung durch den internationalen Ausstellungsbetrieb wandern kann.

Nach der Forschungsdarstellung des Museums Wiesbaden kamen bereits 2013 bei Sandra Uhrigs Beschäftigung mit Bossi Zweifel auf. Den Ausschlag für die Neubenennung habe schließlich eine zeitgenössische Fotografie Bossis gegeben. Nicht die Urheberschaft des Gemäldes wurde geändert, sondern die Identität der Dargestellten.

Das ist ein erheblicher Unterschied. Unter dem alten Titel lieferte Bossi das Bild einer bekannteren Kollegin. Als Selbstporträt wird es zum Zeugnis ihrer eigenen künstlerischen Selbstbehauptung. Der Fall legt nahe: Ein vertrauter Name kann einem Werk Aufmerksamkeit verschaffen und zugleich den Blick auf seine Malerin verstellen.

Münter bewahrt den Kanon

Wie handfest sich Kunstgedächtnis herstellen lässt, zeigt Gabriele Münters Schenkung an das Münchner Lenbachhaus. 1957 übergab sie dem Museum mehr als tausend Werke. Dazu gehörten nach dessen Angaben rund 90 Ölgemälde Kandinskys, über 25 eigene Gemälde und Arbeiten weiterer Künstlerinnen und Künstler des Kreises.

Münter war damit nicht bloß eine Beteiligte, deren Rang später neu bewertet werden musste. Sie gestaltete selbst die materielle Grundlage dessen, was heute vom Blauen Reiter zu sehen ist. Ihre Rolle als Bewahrerin und Stifterin gehört neben ihre Malerei – nicht an deren Stelle.

Allerdings wäre auch die Erzählung einer völligen Auslöschung zu einfach. Das Ausstellungsarchiv des Lenbachhauses verzeichnet für 1957 eine Schau unter dem Titel „Wassily Kandinsky (Gabriele Münter Stiftung) und Gabriele Münter“. Sie war sichtbar. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob eine Künstlerin vorkam, sondern mit welchem Gewicht und in welcher Rolle.

Verbindungen statt Heldensockel

Auch „Die Blauen Reiterinnen“ sind keine nachträglich entdeckte, fest umrissene Frauengruppe. Wiesbaden unterscheidet acht Künstlerinnen, die an Ausstellungen der Neuen Künstlervereinigung München oder des Blauen Reiters beteiligt waren, und vier weitere aus dem engeren Umfeld. Diese Unterscheidung schützt vor einer neuen vereinfachenden Legende.

Das Lenbachhaus hebt etwa Elisabeth Epsteins Kontakte zu Robert und Sonia Delaunay hervor: Internationale Avantgarde entstand auch durch solche Verbindungen. Wer nur nach einsamen Neuerern sucht, übersieht die Vermittlung zwischen Ateliers, Städten und Ausstellungen.

Ob eine Neubewertung Bestand hat, entscheidet sich auch nach dem Abbau einer Schau. Wiesbaden erwarb 2026 Maria Franck-Marcs „Pfingstrosen“ von 1909; die Münter-Eichner-Stiftung arbeitet an einem Werkverzeichnis der Gemälde Münters. Ankauf und Dokumentation machen Forschung dauerhaft anschlussfähig. Das Kunstgedächtnis braucht nicht einfach mehr Heldinnen auf denselben Sockeln. Es braucht einen genaueren Blick darauf, wer Bilder bewahrt – und wer ihre Geschichte festschreibt.

Redaktionell geprüft · 24. Oktober 2026

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