Eine genetische Verbindung ist noch keine Reiseroute. Wenn Menschen an weit entfernten Fundorten gemeinsame Abstammungsanteile aufweisen, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen, wer wohin zog, welche Sprache gesprochen wurde oder wie die Beteiligten einander begegneten. Genau diese Unterscheidung ist für neue Befunde aus dem eiszeitlichen Europa entscheidend.
Die Universität Wien berichtete am 23. Oktober über eine in Science Advances veröffentlichte Untersuchung unter Leitung ihres Forschers Pere Gelabert. Sie verbindet Erbgut aus menschlichen Überresten mit DNA aus Höhlensedimenten. Die Ergebnisse sprechen nach Angaben der Hochschule für Austausch zwischen westlichen und östlichen Gruppen – neben einer über lange Zeit fortbestehenden regionalen Abstammung.
Was eine Frau über Kontakte verrät
Ein wichtiger Befund stammt aus der Isturitz-Höhle im heutigen Südwestfrankreich. Eine dort gefundene Frau lebte vor rund 30.000 Jahren. Laut Universität ähnelt ihr untersuchtes Erbgut überwiegend dem bereits bekannter westeuropäischer Menschen, enthält aber auch Abstammungsanteile mit Beziehungen nach Mittel- und Osteuropa. Modellrechnungen verorten den zugrunde liegenden genetischen Austausch etwa 32.500 bis 31.500 Jahre vor heute.
Das ist eine statistische Rekonstruktion, kein beobachtetes Ereignis. Für die Deutung muss man unterscheiden: Genfluss beschreibt die Weitergabe von Erbgut zwischen Populationen; er benennt nicht automatisch eine einzelne Fernwanderung. Ein methodischer Preprint um Hannah Moots unterscheidet deshalb ausdrücklich zwischen großräumigen Wanderungen und kleinräumiger Mobilität. Beide können die genetische Geschichte einer Region prägen.
Die Erde als zusätzliches Archiv
Auch ohne Skelett kann ein Fundort genetische Informationen enthalten. Aus einer etwa 22.000 Jahre alten Schicht der nordspanischen El-Mirón-Höhle gewann das Wiener Team nach Angaben der Universität menschliche Kern-DNA, die sich zur Untersuchung der Abstammung eignete.
Die methodische Vorgeschichte lässt sich an einer 2025 erschienenen Originalarbeit derselben Forschungsgruppe nachvollziehen. Damals untersuchte sie 32 Sedimentproben aus El Mirón und rekonstruierte unter anderem menschliche mitochondriale DNA. Diese erfasst nur eine mütterliche Abstammungslinie, während Kern-DNA einen breiteren Blick auf Vorfahren ermöglicht.
Die ältere Arbeit zeigt zugleich, warum die Zuordnung aufwendig ist: Die Erhaltung des Erbguts unterschied sich zwischen den Schichten; die Forschenden prüften charakteristische Schäden alter DNA und erkannten auch moderne Verunreinigungen. Ein genetisches Signal wird erst zusammen mit seiner Fundschicht und deren archäologischer Einordnung historisch aussagekräftig.
Kultur ist kein genetischer Fingerabdruck
Wie wenig Abstammung allein über Zugehörigkeit verrät, erläuterte der Archäologe Peter van Dommelen von der Brown University 2025 anhand einer anderen Untersuchung. Menschen aus punischen Siedlungen praktizierten kulturelle Traditionen mit Wurzeln im östlichen Mittelmeer, obwohl ihre untersuchte Abstammung vielfach anderswohin verwies. Sprache, Gewohnheiten und genetische Herkunft müssen nicht gemeinsam weitergegeben werden.
Für die Eiszeit folgt daraus eine wichtige Vorsicht: Ähnliche Gegenstände beweisen keine einheitliche biologische Bevölkerung; genetische Nähe beweist umgekehrt keine gemeinsame Identität. Erst der Abgleich mit Werkzeugen, Fundschichten und weiteren archäologischen Spuren kann unterschiedliche Erklärungen gegeneinander prüfen. Das Erbgut erweitert damit die Geschichte eiszeitlicher Kontakte. Es ersetzt sie nicht.
Redaktionell geprüft · 24. Oktober 2026


