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Brasiliens Stichwahl: Wie aus religiöser Nähe politische Unterstützung wird

Vor Brasiliens Stichwahl werben religiöse Führungspersonen für Flávio Bolsonaro. Ihre Stärke liegt nicht allein auf der Kanzel, sondern in persönlichen Beziehungen. Doch die Gemeinden sind politisch vielfältiger, als es öffentliche Wahlempfehlungen vermuten lassen.

In Goiás beschreiben Pastoren ihre Wahlkampfarbeit nicht nur als öffentliche Empfehlung, sondern als persönliche Überzeugungsarbeit. Josué Gouveia, Leiter einer Gemeinde der Assembleia de Deus im Netzwerk Madureira, erklärte Anfang Oktober gegenüber der Zeitung Jornal Opção, er wolle auch mit Gemeindemitgliedern sprechen, die Luiz Inácio Lula da Silva unterstützen. Sein Ziel: Stimmen für Flávio Bolsonaro bei der Stichwahl am 25. Oktober 2026.

Der Pastor hatte nach eigener Darstellung im ersten Wahlgang Ronaldo Caiado unterstützt. Der Wechsel zeigt, wie religiöse Kontakte politischen Bündnissen folgen können. Er zeigt zugleich deren Grenze: Selbst eine Führungsperson, die entschieden für Bolsonaro wirbt, muss innerhalb der eigenen Gemeinde noch überzeugen.

Unterstützung wächst aus Beziehungen

Ein anderer Pastor aus Goiás, Salmo Diomar von der Assembleia de Deus Catedral da Família, erklärte derselben Zeitung, seine Mitglieder kennten die politische Haltung der Leitung bereits; eine ausdrückliche Ansage von der Kanzel sei nicht nötig. Beide Aussagen beschreiben einen Mobilisierungsweg, der auf Vertrautheit setzt: Politische Orientierung wird nicht erst durch einen förmlichen Wahlaufruf sichtbar.

Warum solche Beziehungen wichtig sind, untersucht das Religionsforschungsinstitut ISER. In seiner qualitativen Studie über evangelische und evangelikale Frauen zwischen 2022 und 2025 erscheinen Gemeinden als Orte der Beratung, gegenseitigen Hilfe und politischen Meinungsbildung. Die Gespräche machen nachvollziehbar, wie Glaubensleben und Alltag ineinandergreifen. Sie belegen aber keinen automatischen Tausch von Unterstützung gegen Stimmen.

Medienreichweite ist nicht gleich Gefolgschaft

Fernsehen, Radio und soziale Netzwerke verschaffen prominenten religiösen Führungspersonen Öffentlichkeit. Diese sichtbare Ebene erklärt jedoch nicht allein, wie politische Positionen entstehen. Bei einer Veranstaltung der Stiftung des früheren Präsidenten Fernando Henrique Cardoso widersprach die ISER-Forscherin Ana Carolina Evangelista im April dem Bild einer bloßen Befehlskette zwischen Politikern, Pastoren und Gläubigen: Auch die Leitungen reagierten auf Ansichten, die innerhalb der Gemeinden zirkulierten.

Der Anthropologe Juliano Spyer verwies dort auf kleine, häufig unabhängige Gemeinden in städtischen Randgebieten. Deren Pastoren spiegelten vielfach die Stimmung ihrer Gemeinschaft. Politische Mobilisierung lässt sich deshalb nicht allein an reichweitenstarken Predigern ablesen. Entscheidend ist auch, wie Botschaften im persönlichen Umfeld aufgenommen, besprochen oder zurückgewiesen werden.

Gleicher Glaube, unterschiedliche Prioritäten

Die Größenordnung macht diese Unterschiede politisch bedeutsam: Bei der Volkszählung 2022 gehörten nach Angaben des Statistikamtes IBGE 26,9 Prozent der Bevölkerung ab zehn Jahren zur Kategorie der Evangélicos. Darunter fallen unterschiedliche protestantische Traditionen und Pfingstkirchen – kein einheitlicher Wahlverein.

In der ISER-Untersuchung reichte die religiöse Zugehörigkeit eines Kandidaten allein keiner Befragten als Wahlgrund. Christliche Wertvorstellungen spielten eine Rolle, daneben aber auch Ehrlichkeit, konkrete Vorhaben und Alltagssorgen. Manche Frauen störten sich an Politikern auf der Kanzel. Die jährlich neu zusammengesetzten Gesprächsgruppen liefern Einblicke, keine repräsentative Prognose für diese Stichwahl.

Die Kanzel hat rechtliche Grenzen

Auch das Wahlrecht unterscheidet zwischen politischer Haltung und zulässiger Kampagnenarbeit. Kirchen gelten wahlrechtlich als öffentlich zugängliche Räume; Wahlwerbung ist dort grundsätzlich untersagt, auch bei privatem Eigentum. Nach der Rechtsprechung des Obersten Wahlgerichts kann dabei bereits eine inszenierte Unterstützung ohne ausdrückliche Stimmaufforderung relevant sein.

Eine religiöse Wahlempfehlung beweist jedoch für sich genommen keinen Machtmissbrauch. Dafür müssen konkrete Verstöße und die jeweiligen rechtlichen Voraussetzungen nachgewiesen werden. Für Brasiliens Stichwahl bleibt deshalb eine zentrale Unterscheidung: Führungspersonen können Unterstützung organisieren und Vertrauen einsetzen. Über die Stimmen ihrer Gemeinden verfügen sie nicht.

Redaktionell geprüft · 24. Oktober 2026

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