Der wirtschaftliche Abstand zu Russland lässt sich in einer drastischen Zahl ausdrücken: Im ersten Halbjahr 2026 lag der Wert der deutschen Warenimporte von dort um 96,4 Prozent unter dem des ersten Halbjahres 2021. Nach den am 21. Oktober veröffentlichten Destatis-Zahlen schrumpften die Einfuhren von 15 Milliarden auf gut eine halbe Milliarde Euro.
Das dokumentiert einen tiefen Einschnitt. Es bedeutet aber nicht, dass sämtliche wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland im gleichen Ausmaß verschwunden sind. Schon die Bezeichnung „Direktimporte“ greift zu kurz: Die deutsche Einfuhrstatistik ordnet Waren grundsätzlich ihrem Ursprungsland zu, nicht einfach dem Land, aus dem der letzte Lastwagen kam.
Was vom Handel übrig bleibt
Die verbliebenen Einfuhren konzentrieren sich auf drei Gruppen: Nahrungs- und Futtermittel für 206,1 Millionen Euro, Metalle für 168,3 Millionen und chemische Erzeugnisse für 95,9 Millionen Euro. Zusammen sind das rechnerisch 470,3 Millionen Euro beziehungsweise 88,3 Prozent der Russlandimporte.
Diese Zusammensetzung unterscheidet sich deutlich von der vor dem Krieg. Im ersten Halbjahr 2021 entfielen allein auf Erdöl und Erdgas 9,2 Milliarden Euro, also 61,5 Prozent der Einfuhren. Der Vergleich zeigt damit auch, wie stark das frühere Energiegeschäft die Ausgangsbasis prägte. Der heutige Rang einer Warengruppe belegt allerdings noch nicht, dass ihre Einfuhren gestiegen sind: Ihr Anteil kann wachsen, weil andere Lieferungen wegbrechen.
Zudem beziehen sich die 96,4 Prozent auf Eurobeträge. Sie sind kein Maß für Tonnen, Kubikmeter oder Energiegehalt. Preise und die Zusammensetzung der Waren beeinflussen den Handelswert ebenfalls.
Ein Umweg löscht den Ursprung nicht
Eine russische Ware wird statistisch nicht schon dadurch zur Ware eines anderen Landes, dass sie dort umgeladen oder weiterverkauft wird. Der Destatis-Leitfaden stellt klar: Ein bloßes Kaufgeschäft ändert den Ursprung nicht. Deshalb wäre es falsch, jede Lieferung über einen Zwischenhändler automatisch als unsichtbaren Russlandhandel zu behandeln.
Anders kann es bei einer wesentlichen Verarbeitung sein. Entsteht in einem Drittland ein neues Erzeugnis oder erfolgt dort eine bedeutende Herstellungsstufe, kann dieses Land zum Ursprungsland werden. Die deutsche Importzahl für Russland bildet dann nicht sämtliche russischen Rohstoffe und Vorprodukte ab, die weiter vorne in der Lieferkette eingesetzt wurden. Wie groß dieser Anteil ist, lässt sich aus der veröffentlichten Gesamtsumme nicht bestimmen.
Statistische Herkunft und sanktionsrechtliche Zulässigkeit sind außerdem verschiedene Fragen. So verbietet die EU seit dem 21. Januar 2026 grundsätzlich die Einfuhr bestimmter Mineralölerzeugnisse, die in Drittländern aus russischem Rohöl hergestellt wurden. Dafür bestehen Ausnahmen und besondere Nachweisregeln. Ein anderer Warenursprung ist also kein Freibrief.
Keine Gesamtbilanz der Abhängigkeit
Dienstleistungen sind nicht Gegenstand dieser Warenimportzahl. Die Bundesbank erfasst sie gesondert in der Zahlungsbilanz. Auch Beteiligungen und daraus fließende Erträge lassen sich nicht an der Einfuhrsumme ablesen.
Für Unternehmen ist deshalb neben dem Einkaufswert entscheidend, ob sich ein benötigter Rohstoff kurzfristig ersetzen lässt. Für Verbraucher und Beschäftigte sind mögliche Preis- und Produktionsfolgen wichtig. Die Russlandzahl allein beantwortet keine dieser Fragen.
Sie belegt einen massiven Rückgang der erfassten Warenimporte. Welcher Anteil davon auf Sanktionen, Unternehmensentscheidungen oder andere Veränderungen entfällt, trennt sie nicht. Ebenso wenig misst sie Russlands weltweite Einnahmen. Wer daraus eine pauschale Erfolgs- oder Misserfolgsbilanz der Sanktionen ableitet, verlangt von der Statistik mehr, als sie leisten kann.
Redaktionell geprüft · 24. Oktober 2026


