Eine Torte aus der Confiserie, ein Anzug für einen besonderen Anlass, ein Blick auf Mode, die man sich vielleicht nicht leisten kann: Ein Besuch bei Breuninger kann sehr verschiedene Bedeutungen haben. Gerade das macht das Stuttgarter Stammhaus interessant. Es ist ein Geschäft – und zugleich ein Ort, an dem sich Vorstellungen von Geschmack, Wohlstand und Zugehörigkeit zeigen.
2026 wird Breuninger 145 Jahre alt. Aus einem Textilgeschäft ist eine überregionale Unternehmensgruppe geworden. Doch während sich Verkaufsflächen und Sortimente auch anderswo aufbauen lassen, entsteht die Vertrautheit eines Hauses mit seiner Stadt über Jahrzehnte. In Stuttgart lässt sich daran erklären, warum ein Kaufhaus Kult werden kann.
Ein kleiner Anfang nahe dem Marktplatz
Am 1. März 1881 eröffnete der aus Backnang stammende Eduard Breuninger sein Geschäft in der Stuttgarter Münzstraße. Nach der Unternehmenschronik begann er mit drei Beschäftigten. Die Nähe zum Marktplatz verband den Laden von Anfang an mit dem Zentrum der Stadt. Es folgten zusätzliche Räume und größere Geschäftshäuser; aus dem überschaubaren Anfang wurde ein Unternehmen mit beträchtlichem Platzbedarf.
Wie schnell dieser Wandel verlief, dokumentiert ein ungewöhnliches Erinnerungsstück: eine Medaille zum 30. Firmenjubiläum von 1911, die das Landesmuseum Württemberg verzeichnet. Auf ihren beiden Seiten stehen sich das ursprüngliche Geschäftshaus und die späteren Verkaufsgebäude gegenüber. Damals beschäftigte Breuninger bereits 610 Menschen. Das Unternehmen ließ seinen Aufstieg gewissermaßen in Metall festhalten.
Dabei ging es nicht allein um größere Gebäude. Schon 1896 verschickte Breuninger ein Warenverzeichnis mit Preisen und einem Stadtplan. Die Kundschaft sollte nicht nur erfahren, was es zu kaufen gab, sondern auch den Weg dorthin finden. Werbung, Orientierung und Einkauf wurden miteinander verbunden.
Eine Geschichte mit belasteten Kapiteln
Eine Geschichte des Hauses darf allerdings nicht bei Unternehmergeist und Wachstum stehen bleiben. Nach dem Tod des Gründers 1932 führte sein Sohn Alfred das Geschäft weiter. Er trat der NSDAP bei und profitierte wirtschaftlich von der Verfolgung jüdischer Eigentümer.
1937 erwarb Breuninger das zuvor gepachtete Wohn- und Geschäftshaus am Marktplatz 16 von den jüdischen Eigentümern Josef Grünberg und Arthur Hirschfeld. Historische Darstellungen ordnen den Vorgang in die nationalsozialistische „Arisierung“ ein, also die Verdrängung jüdischer Menschen aus dem Wirtschaftsleben und den Entzug ihres Eigentums. Nach den Forschungen von Roland Maier lag der Kaufpreis deutlich unter dem Marktwert; 1950 wurde der Streit mit den früheren Eigentümerfamilien durch einen Vergleich mit Nachzahlung beendet.
Diese Vergangenheit gehört ebenso zum Haus wie die späteren Erinnerungen an Einkaufsbummel und Familienausflüge. Die Verbundenheit mit einer städtischen Institution ist kein Grund, ihre Geschichte zu beschönigen.
Torten, ein Bär und sogar ein Mineralbad
Nach den schweren Kriegszerstörungen begann ab 1947 unter Heinz Breuninger, dem Enkel des Gründers, der Wiederaufbau. In den folgenden Jahren entstanden Angebote, die über den Verkauf von Kleidung hinausgingen. 1951 eröffnete die Confiserie, 1952 kam der Breuni-Bär als Maskottchen hinzu. 1959 führte das Unternehmen seine Kundenkarte für bargeldloses Einkaufen ein.
An diesen drei Dingen lässt sich viel über die Bindung an ein Kaufhaus ablesen. Eine Kundenkarte erleichtert das Wiederkommen und stärkt zugleich die Beziehung zum Händler. Eine Confiserie liefert einen Anlass für den Besuch, auch wenn gerade kein Kleidungsstück gebraucht wird. Ein Maskottchen wiederum gibt dem Unternehmen ein Gesicht, das schon Kinder erkennen können. Aus einzelnen Käufen können so wiederkehrende Gewohnheiten werden.
Besonders eigenwillig war ein Angebot hoch über den Verkaufsflächen. Nachdem Bauarbeiter 1971 am Marktplatz auf eine Mineralwasserquelle gestoßen waren, entstand im Dachgeschoss ein Mineralbad mit Sauna, Fitnessbereich und Sonnenterrasse. Es blieb bis 1988 in Betrieb. Schwimmen im Kaufhaus: Das ist eine jener Besonderheiten, die sich leichter weitererzählen lassen als die Zusammensetzung eines Sortiments.
Hier liegt ein wichtiger Teil des Stuttgarter Kultcharakters. Breuninger bot nicht einfach nur Waren an, sondern auch Gründe, Zeit im Haus zu verbringen. Das war natürlich ein Geschäftsmodell. Es konnte aber zugleich persönliche Erinnerungen hervorbringen, die sich nicht auf einen Kassenbon reduzieren lassen. Kommerz und Vertrautheit schließen einander nicht aus.
Zwölf Häuser in Deutschland, eines in Luxemburg
Der Schritt über Stuttgart hinaus führte zunächst ins Umland. 1973 eröffnete das Breuningerland in Ludwigsburg, 1980 folgte Sindelfingen. Dabei handelte es sich um Einkaufszentren mit weiteren Geschäften und Gastronomie, nicht bloß um zusätzliche Modeabteilungen. Das Unternehmen erreichte seine Kundschaft nun auch außerhalb der Stuttgarter Innenstadt.
Heute umfasst die Gruppe nach ihrer aktuellen Standortübersicht 13 Häuser: zwölf in Deutschland und eines in Luxemburg. Zu den deutschen Standorten gehören neben Stuttgart etwa Düsseldorf, München, Nürnberg, Freiburg, Karlsruhe, Leipzig und Erfurt. Mit dem Haus im Hamburger Überseequartier kam im April 2025 auch eine Adresse im Norden hinzu. Breuninger ist damit längst mehr als eine schwäbische Regionalmarke.
Ebenso wenig ist das Unternehmen nur eine Kaufhauskette im herkömmlichen Sinn. Seit 2008 betreibt es einen Onlineshop. Wer dort bestellt, muss keine Verbindung zu Stuttgart haben und das Stammhaus nie betreten haben. Der Name funktioniert inzwischen zugleich als örtliche Institution und als digitale Handelsmarke. Für das Unternehmen ergänzt sich beides; für die Kundschaft können es sehr unterschiedliche Erfahrungen sein.
Ein Stück Stadt, aber nicht für jedes Budget
Das heutige Angebot ist auf das gehobene Mode- und Luxussegment ausgerichtet. Darin liegt auch eine Grenze der Erzählung vom Kaufhaus als gemeinsamem Wohnzimmer. Ein Haus kann weithin bekannt sein, ohne für alle gleichermaßen erschwinglich zu sein. Wer regelmäßig Designermode kauft, begegnet ihm anders als jemand, der für eine besondere Anschaffung spart oder lediglich durch die Abteilungen schaut.
Deshalb bedeutet Kultstatus nicht, dass alle Stuttgarter dort einkaufen oder das Haus gleichermaßen schätzen müssten. Er beschreibt eher die Verbindung aus langer Präsenz, wiedererkennbaren Angeboten und städtischer Erinnerung. Die Torte und die teure Handtasche gehören zur selben Geschäftswelt, eröffnen aber sehr unterschiedliche Zugänge zu ihr.
Zur gesellschaftlichen Bedeutung gehört außerdem die Arbeit hinter dem Einkaufserlebnis. Nach Unternehmensangaben beschäftigt die Gruppe rund 6500 Menschen. Verkauf und Beratung, Einkauf, Logistik und Gastronomie machen aus einer bekannten Adresse einen funktionierenden Betrieb. Für die Beschäftigten ist das Kaufhaus nicht zuerst eine Erinnerung oder ein Ausflugsziel, sondern ein Arbeitsplatz.
Breuningers besondere Stellung in Stuttgart lässt sich deshalb weder allein mit Luxus noch allein mit Nostalgie erklären. Entscheidend ist die lange Verbindung eines Handelsunternehmens mit dem Leben einer Stadt. Ein Mantel lässt sich auch anderswo kaufen. Die Geschichten, die sich um ein bestimmtes Haus gesammelt haben, lassen sich nicht einfach mitbestellen.
Redaktionell geprüft · 23. Oktober 2026


